Es zieht von allen Seiten her zu. Dichter Nebel steigt auf, versteckt den Gipfel, verbirgt den Zustiegsweg zum Gletscher, den wir mühsam durch Fels, Schutt, Block gesucht haben. Jetzt anseilen, schauen, dass bei allen die Steigeisen fest halten, dann 2 bis 3 Stunden hinauf, an der Schlüsselstelle zur Sicherung Eisschrauben setzen, wenn Glück auf den Gipfel, vermutlich ohne Sicht, und dann alles zurück, geschätzte 5 Stunden. Kein Netz, auch keine Notrufe, 3 von 5 der Gruppe ohne Hochtourenerfahrung, ab früher Nachmittag Gewitter-Ansage, und wir haben jetzt schon länger gebraucht als erwartet. Gehen wir halt noch, so weit wir kommen! Nur ein Stück, Vroni, damit ich endlich einmal am Gletscher gewesen bin. Für 14 Uhr sind Gewitter angesagt – das kann sein, muss aber nicht, nicht wahr?! Jessy und ich stehen schon am Gletscher. Jetzt sieht man bald gar nichts mehr, weder hinauf Richtung Gipfel, noch zurück Richtung Aufstiegsweg. Es macht einfach keinen Sinn, die Gruppe und mich bewusst in ernsthafte Gefahr zu bringen. Nein, wir drehen um! Während alle die Steigeisen ablegen, kommt tosender Wind auf. Binnen 30 Sekunden ist es um mindestens 10 Grad kälter. Zieht euch gleich die Regenjacke an! Vorsichtig machen wir uns auf den Rückweg. Es regnet, Graupelschauer, dichte Schneeflocken wie im Winter. Am nassen Fels ist es sehr leicht auszurutschen. Ebenso am unter dem Schutt versteckten Eis und auf dem frischen Schnee. Langsam, konzentriert, schweigsam. Als wir nach ca. 45min beim hinteren Umbaltörl angekommen sind, hat es aufgehört, der Nebel lichtet sich, gut sieht man hinunter ins Tal nach Kasern, die Dreiherrenspitze ist immer noch verdeckt. Wir hätten auch biwakieren können, Vroni, und nach einer Stunde weiter! Wir hätten… Wir hätten können… Aber jetzt sind wir am Rückweg, das ist gut, das ist vernünftig, das war und ist meine Entscheidung. Im Hochgebirge ist der Grat zwischen Risiko und Verantwortung immer schmal und zumeist absturzgefährdet.
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